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am 19. Dezember 2004               

Als der heilige Paulus seinen Brief an die Gemeinde von Rom schrieb, war er noch nie in dieser Gemeinde gewesen. Er schrieb den Brief damals, um sich fr seinen bevorstehenden Besuch zu empfehlen. So ist es nicht berraschend, wenn dieser Brief, der Bedeutendste unter den vierzehn Paulusbriefen, den wesentlichen Inhalt der Predigt, der Verkndigung sei- nes Autors enthlt. Mit immer neuen Worten artikuliert er darin die Botschaft von Advent und Weihnachten. Die aber steht im Zentrum unseres Christenglaubens. Diesem Brief nun ist die Lesung des heutigen Sonntags entnommen, die soeben verlesen wurde. Genauer gesagt, sind es die ersten 7 Verse des Briefes.

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Der Inhalt des Rmerbriefes ist  allgemein gesprochen - die Verlorenheit der Welt vor Chri- stus und ohne ihn, ihre Verzweiflung und ihre Dunkelheit. Juden und Heiden waren in groe Schuld geraten, so sagt es Paulus in diesem Brief, die einen, weil sie den wahren Gott leug- neten und Gtzen dienten, die anderen, weil sie zwar den wahren Gott kannten, aber nicht seine ganze Offenbarung, vor allem aber, weil sie einer veruerlichten Religiositt huldig- ten. 

Wer wrde nicht schon an dieser Stelle zu der Erkenntnis kommen, dass sich die damalige Situation gar nicht so sehr unterscheidet von der heutigen?  Unsere nachchristliche Zeit - so hat man unsere Zeit oft genannt - hnelt allzu sehr der Zeit vor dem Christentum. Der Advent der Vlker, in den hinein Christus gekommen ist, unterscheidet sich nicht wesentlich von dem Advent der Gegenwart. Wir sind heute wieder da angekommen, wo die Menschen vor Christus standen. Und wir bedrfen aufs Neue der Erlsung.

Der Kraftvollste unter den alttestamentlichen Propheten, der Prophet Jesaja ruft im 8. Jahr- hundert vor Christus aus: "Wehe, sndiges Volk, schuldbeladene Nation, nichtswrdige Brut, verkommene Shne! Sie haben Gott verlassen, verschmht den Heiligen Israels, ihm den Rcken zugekehrt" (Jes 1,4). Gbe es heute Propheten, sie wrden eine hnliche Spra- che sprechen.

Sehr viele von uns haben Gott verlassen und leben ohne Gott. Beinahe die ganze Welt ist gottlos geworden. Gott ist weit weg von uns. Er hat uns verlassen, weil wir ihn verlassen haben. So hat es den Anschein. Wre er bei uns, so wrde die Welt anders aussehen. Dem theoretischen Atheismus huldigen weit mehr als 50 Prozent unserer Zeitgenossen und dem praktischen noch viel mehr.

Wir haben Gott verlassen, und Gott hat uns verlassen. Daher ist es kalt und dunkel gewor- den bei uns. 

Wo ist Gott in der Politik, in den internationalen Konferenzen, in der Gesetzgebung, an den Sttten der Lehre und der Forschung, in den Betrieben, in den Familien, in der Erziehung, in der Moral, in den Herzen der Menschen? 

Wir haben Gott verlassen, darum herrscht berall die Unmoral. Vor allem in der Gestalt des totalen Zusammenbruchs der geschlechtlichen Moral.

Uns trifft das Urteil des Propheten Jesaja ber den vorchristlichen Advent nicht weniger als seine Zeitgenossen damals. Das gilt in gleicher Weise von dem Urteil des Paulus in seinem Brief an die Rmer: Entweder leugnen wir Gott oder jagen Gtzen nach, oder unsere Reli- gion ist in schauriger Weise veruerlicht. 

Das ist unsere Snde, von der wir erlst werden mssen, darum bedrfen wir aufs Neue der Erlsung. Die einen mssen erlst werden vom Gtzendienst, die anderen von der Erstar- rung ihrer Religion und ihres religisen Lebens. 

Unsere Gtzen sind der Lebensstandard, die Habgier, das Verhaftetsein an die Gter dieser Welt und an das eigene Ich mit seinen wechselnden Wnschen. Unsere Gtzen sind der Ge- nuss, das Ansehen, die Macht, der Einfluss. Unser Gtze ist die Mode, das Diktat der Masse, die Anpassung an die Zeit, das genormte Denken. Unsere Gtzen sind oft lebendige Men- schen, denen wir den Vorzug geben vor dem einzigen und wahren Gott. Unser Gtze, das ist endlich der Fortschritt, so fragwrdig er sich auch oft erweist, oder auch das Paradies auf Erden, das der Mensch angeblich selber schaffen kann, derweil er immer mehr dem Chaos entgegeneilt und die Welt immer unmenschlicher wird, ja, derweil wir immer mehr gar un- ser Menschsein verlieren. 

Ein genialer Kmpfer gegen das Christentum hat im 19. Jahrhundert das Ideal der blonden Bestie gepriesen (Friedrich Nietzsche, gest. 1900). Heute haben wir dieses Ideal, vielfach. Die blonde Bestie, das ist der Mensch ohne Gott. Das ist unser Gtzendienst, der zerstrerisch ist im Hinblick auf unser persnliches Leben und im Hinblick auf die Zukunft unserer Welt. 

Das also ist unsere Gottlosigkeit, und das ist unser Gtzendienst. Unsere Veruerlichung zeigt sich dann in unserer mangelnden Innerlichkeit im religisen Leben, in unserem ober- flchlichen Beten, in unserer Halbheit, in unserer Heuchelei, in unserem unlauteren Einsatz fr das Gute und fr die Kirche, in unseren frommen bungen, die wir machen, um von den Menschen gesehen zu werden. Gott aber will unser Herz, er will unsere Gesinnung. Er ver- abscheut die bertnchten Grber - so charakterisiert Christus die oberflchlichen From- men. Auch die Veruerlichung ist letzten Endes Gtzendienst, eine ganz spezifische Form von Gtzendienst, so kann man vielleicht sagen. 

Demnach liegt die Nacht ber unserer Welt, die Verlorenheit der Menschen in der Snde, ist heute wieder Advent wie damals, in den Jahrhunderten vor Christus. Christus, das Licht der Welt, will neu zu den Menschen kommen, wenn wir wieder seinen Geburtstag begehen, sei- ne Ankunft in dieser Welt am Anfang unserer Zeitrechnung vor beinahe 2000 Jahren, in wenigen Tagen. Und er muss neu kommen in unsere Welt.

Wenn wir ihm eine Wohnung geben in unserem Innern, wenn wir ihn einlassen, so werden wir erlst, und so wird durch uns die Welt wieder heil, wenigstens im Kleinen, in der Welt unserer Familien und unserer Arbeit und unserer Freizeit: Der Gtzendienst wird ber- wunden, und unser religises Leben wird verinnerlicht. Immer beginnt das Groe im Klei- nen. 

Die Aufnahme des Gottmenschen, die neue Erlsung setzt die Reinigung von der Snde in einer guten Beichte voraus. Die Buandacht kann das Sakrament nicht ersetzen. Als zu- stzlicher Ausdruck der Bugesinnung oder als Vorbereitung auf die Beichte, ja, aber nicht als Ersatz. Wie jeder von uns dereinst allein vor seinem Richter stehen wird, so kann er auch nur als Einzelner, allein, das Gnadengericht des Busakramentes empfangen. 

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Unsere Welt gleicht in vielem der Welt, wie sie sich vor Christus darstellte und wie Paulus sie in seinem Rmerbrief charakterisiert. Wir leugnen Gott, theoretisch oder praktisch, und verehren Gtzen, oder wir dienen Gott oft nur sehr uerlich. Es gilt, dass wir uns zum wahren Gott bekehren und unser religises Leben verinnerlichen. Das heit: Wir bedrfen aufs Neue der Erlsung. Diese wird uns geschenkt, aufs Neue, wenn wir dem, der kommen will, einen Weg bereiten, uns ihm zuwenden. Das aber meint, dass wir den Schutt der Snde aus unserem Leben wegrumen und uns wappnen mit guten Taten, dass wir eigenstndig denken und uns distanzieren von der Oberflchlichkeit unserer Welt, dass wir uns ffnen und mit grerem Eifer unsere ewige Berufung in den Blick nehmen. Amen. 

 

Predigt zum 3. Adventssonntag, gehalten am 12. Dezember 2004 
in Freiburg, St. Martin 

Der Mund des Propheten ist verstummt. Am vergangenen Sonntag stand Johannes der Tufer auf der Hhe seines prophetischen Wirkens: Die Massen drngten sich um ihn, sie wollten ihn sehen, sie wollten ihn hren und sich von dem Eindruck seiner Persnlichkeit gefangen nehmen lassen. Nun ist er mit sich allein in den vier Wnden des feuchten und kalten Kerkers. Die Groen und Mchtigen dieser Welt haben eingegriffen und seinen Mund versiegelt. Und er wartet auf seinen Tod. Da nun berfllt es ihn: der innere Zweifel, die Anfechtung, die bange Frage, ob sich sein Einsatz gelohnt hat, ob er nicht doch vergeblich seine Kraft und sein Leben eingesetzt hat fr den, der da kommen soll. Die Gewissheit, mit der er die Menschen fasziniert hat, fllt nun eine Weile von ihm ab. Das uere Dunkel, das ihn umgibt, lscht das Licht in seiner Seele, fr eine Weile. Die bange Frage, mit der er seine Jnger zu Jesus sendet, ist der Ausdruck einer tiefen Unsicherheit, die ihn in dieser extremen Situation befllt. Angesichts der Antwort seiner Jnger findet er jedoch die alte Sicherheit wieder. Die Worte Jesu besttigen es ihm, dass seine Adventspredigt nicht vergeblich gewesen ist, dass er nicht umsonst sein Prophetenleben zum Pfand gegeben hat. So kann er getrstet sterben, vertrauend auf den rtselhaften Gott, der seine Getreuen nicht verlsst, der sie in Dunkelheiten hineinfhrt, ihnen aber gerade in der uersten Verla- ssenheit nahe ist. 

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Eine hnliche Situation der Anfechtung wird uns im Alten Testament erzhlt, im 1. Buch der Knige, im Zusammenhang mit dem Wirken des Propheten Elija (1 K 19). Von ihm heit es im Buch Jesus Sirach: Er war ein Prophet wie Feuer, sein Wort war wie ein brennender Ofen  Selig, wer dich sieht und stirbt, denn er wird leben (Jesus Sirach 48, 1-11). Auch Elija muss durch eine tiefe Dunkelheit hindurch, und auch er muss sich in schwerer An- fechtung bewhren. Er ist auf der Flucht vor der Frau des Knigs Achab, der er grndlich be- scheid gesagt hat und die ihm nach dem Leben trachtet. Da berfllt ihn in der Wste unendliche Traurigkeit. Er setzt sich unter einen Ginsterstrauch und wnscht zu sterben. Im Schlaf rhrt ihn ein Engel des Herrn an, zweimal, und er macht ihm Mut, dass er nicht auf- gibt, und er strkt ihn, dass er sich erneut seiner Berufung zuwendet. Schlielich erscheint Gott selber ihm - im Suseln des Windes. Und getrstet kann er nun die letzte Strecke seines Lebensweges zurcklegen. hnlich hat es Jesus auf dem lberg erlebt, als alles ber ihm zusammenzustrzen droht.

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Gerade die Anfechtung macht uns Johannes und auch Elija sympathisch. Sie macht uns ihr Leben begreiflich. Wir erkennen: Auch fr die ganz Groen gibt es Stunden der Anfechtung und der Entmutigung, der Unsicherheit und des Zweifels. Das gehrt zu unserem Menschsein. Wir alle kennen solche Situationen. Wer von uns htte sich noch nicht in einer solchen Si- tuation befunden? Wer immer sich fr eine gute Sache einsetzt, wer Opfer dafr bringt, ohne sich selbst zu schonen, fr den kommt die Stunde des Zweifels, der Unsicherheit, der An- fechtung, vor allem dann, wenn er uerlich Misserfolge hat oder wenn er gar fr seinen Einsatz Verfolgung und Tod auf sich nehmen muss. Dann drngen sich Fragen auf wie die: Warum strenge ich mich so sehr an? Lohnt es sich berhaupt, sich einzusetzen? Sollte ich nicht lieber auch im groen Strom mitschwimmen und tun, was alle tun? Bin ich auf dem Holzweg oder sind es die anderen? Sollte ich mir nicht ein schneres Leben machen oder das, was die Menschen darunter im allgemeinen verste- hen? Das ist die Situation des Tufers im Kerker, das ist die Situation des Elija unter dem Ginsterstrauch. Das ist aber auch die Situation Jesu auf dem lberg. Eine groe Versuchung.

In einer solchen Situation ist unsere Gromut gefordert, unser Vertrauen auf den verbor- genen Gott. Das Vertrauen: Er ist da, auch wenn ich ihn nicht sehe, auch wenn ich seine Nhe nicht mehr spre, auch wenn ich das Gefhl habe, von ihm verlassen zu sein.

Die Wahrheit nimmt uns in Pflicht, immer. Und darauf kommt es an, in erster Linie, dass wir der Wahrheit dienen und ihr die Ehre geben. Denn nur dann knnen wir vor unserem Ge- wissen und vor Gott bestehen.

Nicht, was andere von uns denken, zhlt, nicht, wie viele Freunde wir gehabt haben. Wer fr die Wahrheit und fr das Gute eintritt, hat fr gewhnlich nicht die meisten Freunde, aber die wenigen, die er hat, sind dann um so treuer. Vor allem hat der, der fr die Wahrheit und fr das Gute eintritt, Gott zum Freund.

Wir knnen uns in unserer Anfechtung aufrichten an Johannes, an Elija und an Jesus selbst.

Wenn wir wie Johannes auf Christus warten, wenn er die Mitte unseres Denkens ist, dann haben wir den rechten Weg gefunden. 

Alle groen Erwartungen werden sich in unserem Leben nicht so erfllen, wie wir es erhof- fen. Nie werden sie das halten, was sie versprechen, und in vielen Fllen werden sie sich ber kurz oder lang gar als vllig utopisch erweisen, als ganz und gar nicht erfllbar, und in der Enttuschung enden, aber der, der Ursprung der Welt und ihr Ziel ist, wird uns nicht ent- tuschen. 

Die Lesung, die wir soeben vernommen haben, ermahnt uns, Geduld zu haben in Treue und Beharrlichkeit und nach dem Beispiel der Propheten weiterzukmpfen. 

In der grten Not ist Gottes Hilfe am nchsten. Das hat Johannes der Tufer erfahren, das hat Elija erfahren, und selbst der menschgewordene Gottessohn hat das erfahren. 

Gerade in der Versuchung der Anfechtung sollen wir ber uns selber hinauswachsen durch das Gebet und durch den lebendigen Geist der Selbstverleugnung, durch die Bereitschaft, mit Christus zu leiden und das Kreuz mit ihm zu tragen. Aus dem grten Leid geht die grte Freude hervor. Von daher ist die Stunde der Anfechtung geradezu eine Stunde der Gnade.

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In Johannes, der im Kerker leidet, und in seiner bangen Frage drfen wir uns selber wie- derfinden. Immer wieder folgen dem selbstlosen Einsatz fr Gott, fr die Wahrheit und fr das Gute der Zweifel und die Nacht, aber Gott lsst seinen Getreuen auch dann nicht allein. Er lsst ihn vielleicht sterben, aber er versagt ihm nicht seinen Trost, wenn er betet und be- reit ist, sich selbst zu verleugnen und mit Christus zu leiden.  

Wenn Gott selber uns nahe ist, dann mag die Welt zusammenbrechen, in uns und um uns, wenn Gott fr uns ist, dann kann uns letzten Endes niemand und nichts mehr etwas an- ha- ben. 

Paulus schreibt im Rmerbrief: Wenn Gott fr uns ist, wer knnte gegen uns sein? Der seinen eigenen Sohn nicht schonte, sondern ihn fr alle dahingab, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken (R 8,31 f)?

Die Wahrheit ist stets unbequem, unbequem fr den, der sie hrt, unbequem aber auch fr den, der sie vertritt und vertreten muss. Dabei ist das Gute stets eine Spielart der Wahrheit. Dem Tufer bringt sie den Tod, die Wahrheit. Aber sie selber, die Wahrheit, sie kann nicht sterben, immer ist sie strker als der Tod. Amen. 

 

Predigt zum 2. Adventssonntag, gehalten am 5. Dezember 2004 
in Freiburg, St. Martin 

Wir nennen Johannes den Tufer den Vorlufer Jesu. Jesus hatte eigentlich viele Vorlu- fer: die groe Zahl der alttestamentlichen Propheten, sie alle hatten von dem Knig und Priester gesprochen, der einst kommen werde, und von der Herrschaft Gottes, die er aufrichten sollte. Und sie alle hatten gesprochen von der Bereitung des Menschen fr diese groen Ereignisse. Johannes ist der Letzte von ihnen, er ist der krnende Abschluss einer groen Epoche, des Jahrtausende langen Advents der Vlker. Johannes fasst die gute Tradition des alttestamentlichen Prophetentums noch einmal zusammen in seiner Person. Deshalb nennt Jesus ihn den Grten der von einer Frau Geborenen. 

Der Tufer vom Jordan, er ist beispielhaft - auch fr uns. Denn auch wir sind dazu berufen, Vorlufer Jesu sein, wir alle, auch wir mssen etwas von dem Ernst der alttestamentlichen Propheten in uns tragen, wir alle, die wir getauft und gefirmt sind. Denn der, der einst gekommen ist, will dereinst wiederkommen. Und bis dahin will er durch sein Wort und durch seine Gnade und durch das Gute, das in der Welt geschieht, durch seine Jnger, also durch uns, immer neu kommen, um so seine letzte Ankunft vorzubereiten. Diese aber ist der eigentliche und tiefste Inhalt unserer Erwartung, unserer Hoffnung. So sollte es sein.

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Was ist nun dieser Johannes fr ein Mann?  Er fordert die Bekehrung. Darunter versteht er die innere und uere Ausrichtung auf Christus. Er verwendet dabei das Bild vom Bereiten des Weges, das er von seinem groen Vorgnger Jesaja her kannte. In einer weniger zivi- lisierten Zeit, als die Landschaft noch unwegsamer war und als die wenigen Wege, die es gab, schlecht waren, baute man nicht selten erst dann einen Weg oder eine Strae, wenn ein Knig, ein groer Herrscher, sein Kommen angesagt hatte. Da baute man dann die Stra- e sozusagen vor ihm her. Johannes verwendet hier ein eindrucksvolles Bild, um die innere Vorbereitung anzusprechen, die notwendig ist, wenn der Mensch dem lebendigen Gott be- gegnen will. Damals bekannten viele in der Steppe am Jordan ihre Snden, sie lieen sich taufen, das heit untertauchen im Jordan, um zeichenhaft zum Ausdruck zu bringen, dass sie ein neues Leben beginnen wollten. Mit seiner Mahnung verband der Tufer scharfe Worte gegen die, die sich nicht aufrtteln lassen wollten. Er wusste, dass man Gott verfehlt, wenn man sich nicht von der Snde trennen will oder wenn man nicht die Vergebung sucht. Jo- hannes beschimpft die trgen und selbstge- rechten Phariser und spricht zu ihnen vom Zorn Gottes, von seinem Gericht und von ihrer ewigen Verwerfung fr den Fall, dass sie so wei- termachen. Er verwendet dabei die Bilder vom unfruchtbaren Baum, der umgehauen wird, und von der Ernte, bei der die Spreu vom guten Weizen getrennt und als wertlos verbrannt wird. Das meint er ernst. Er schwcht die Entscheidungstrchtigkeit unseres Lebens nicht ab, etwa um Gefallen zu finden bei den Menschen oder um sich bei ihnen anzubiedern. Johan- nes ermahnt seine Zuhrer also, und er warnt sie. Dabei bringt er nicht nur schne Worte vor, sondern, was er von den anderen fordert, macht er sich zuerst selbst zu Eigen. Er spricht von der Umkehr und von den Frchten der Bekehrung. Dabei kann er seinen Zuhrern sich und sein Leben als einen lebendigen Spiegel seiner Forderungen vor Augen fhren. Er lebt, was er verkndigt. Er spricht nicht nur von der Ewigkeit, sondern er offenbart sie auch als das innerste Geheimnis seiner Existenz. Bei ihm stimmen das Auftreten und die Verkn- digung ganz und gar berein. Was er vor die Menschen hintrgt, das hat er sich selbst zu- nchst zu Eigen gemacht. 

Johannes ist beispielhaft fr uns: Auch wir sind Vorlufer Jesu als Getaufte und als Gefirm- te, wir sollen es sein, und Gott erwartet von uns, dass wir die Mahnung und die Warnung des Tufers aufgreifen, fr uns zunchst und dann fr die Menschen, und dass wir ihn irgendwie nachahmen in seinem Leben. Das bedeutet: Umkehr und Bekenntnis der Snden, in dieser Adventszeit und immer neu, in berschaubaren Abstnden, so verlangt es die Kirche. Das sagt uns aber auch die Vernunft, die glubige Vernunft. 

Das bedeutet aber auch: Abkehr von aller selbstgerechten Heilsgewissheit. Damals hie es: Wir haben Abraham zum Vater. Was kann uns schon passieren? Heute heit es: Wir sind erlst, und Gott ist barmherzig. Daher haben wir das Heil schon in der Tasche.

Johannes fordert Frchte der Bekehrung und bringt sie selber in seinem einfachen Leben und in seinem Eifer fr Gott. Er scheut sich nicht, vom Zorn Gottes zu reden, und er glaubt selber daran. Er wei, dass auch sein Heil auf dem Spiel steht.

Dem Zorn Gottes entrinnen, viele halten das fr antiquiert und fr eine schon lange ber- holte Glaubensvorstellung. Johannes erklrt ohne Menschenfurcht: Ihr knnt ihm entrinnen, dem Zorn Gottes, aber nicht ohne Frchte, nicht, ohne dass ihr Werke aufweisen knnt. Das heit: Ihr msst schon eure Trgheit und Bequemlichkeit berwinden. Und ihr msst Selbst- beherrschung ben. Die Heilige Schrift spricht da vom Fasten - dieser Begriff beinhaltet jede Form von Selbstbeherrschung und Selbstberwindung. Gemeint ist hier, dass wir uns nicht einfach gehen lassen.

Mit den Frchten, mit denen wir dem Zorn Gottes entrinnen knnen, ist nicht zuletzt auch die Treue gemeint, mit der wir unsere Pflichten bernehmen, mit der wir zu ihnen stehen, auch wenn die erste Begeisterung verflogen ist und wenn niemand - auer Gott - uns kontrolliert.

Wir neigen heute dazu, immer nur zu fordern, niemand will geben, alle wollen nehmen. Gro werden die Rechte geschrieben, klein hingegen die Pflichten. Anstndigkeit im Sinne von Sachgerechtigkeit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Selbstlosigkeit, Verantwortungsbewusst- sein, das alles sind Frchte der Bekehrung. 

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Johannes lebt, was er verkndet, darum ist er beispielhaft fr uns, in seiner Verkndigung und in seiner Person. Seine Mahnung und seine Warnung mssen zunchst unser Tun und Lassen bestimmen. Dann aber mssen sie auch der Inhalt unseres mndlichen Zeugnisses sein. Das Vorlufersein gehrt zu unser aller Berufung, es ist nicht von unserem Christsein zu trennen. Wir sollen Gott eine Strae bauen, zu uns und zu den Menschen hin. Daher mssen wir auch die Umkehr und das Bekenntnis der Snden vollziehen und das Eine wie das An- dere auch unseren Mitmenschen nahe legen, soweit das mglich ist, daher msse wir alle Trgheit und Selbstgerechtigkeit berwinden und zugleich auch fr ihre berwindung wer- ben bei unseren Mitmenschen. Amen.

 

Predigt zum 1. Adventssonntag, gehalten am 28. November 2004 
in Freiburg, St. Martin              

Worte wiegen bei uns nicht viel - wir sagen Manches, was wir eigentlich nicht meinen. Oft sind unsere Worte leer, oft denken wir anders als wir reden. Das gilt nicht nur im Bereich un- seres alltglichen Lebens. Das gilt auch - leider - im Bereich des Glaubens, unseres persn- lichen Glaubens und auch der ffentlichen Verkndigung des Glaubens. Das ist verhng- nisvoll, denn nichts verdirbt den Menschen so sehr wie die Unehrlichkeit, wie die Unwahr- haftigkeit. Es ist sicher, dass viele leere Worte die Kirche und das Christentum heute un- glaubwrdig machen. So ist es nicht verwunderlich, dass der Glaube, woran die lteren noch festhalten, mehr oder weniger, nicht zuletzt aus Anhnglichkeit an dem Altgewohnten, die Jngeren vielfach nicht mehr interessiert.

In diesen Wochen der Adventszeit ist viel die Rede von dem Kommen Christi, und wir beten in diesen Wochen um dieses Kommen, bedenken dabei aber nicht, dass mit dem Kommen Christi, wenn wir es recht verstehen, das Ende unseres Lebens, das Ende der Welt verbun- den ist. Daher meinen wir, wenn wir so beten, oft etwas anderes als wir sagen, oder ergehen wir uns bei solchen Gebeten in leeren Worten. Erst wenn wir einen festen Glauben haben und ein verantwortungsvolles christliches Leben fhren mit einer gewissen Distanz zur Welt, knnen wir die Ankunft Christi wirklich herbeisehnen. Der Glaube und das Leben gehren hier zusammen. Unser Glaube ist deshalb oft so schwach, weil unser Leben so weltlich ist, und unser Leben ist deshalb oft so weltlich, weil unser Glaube so schwach ist.

Damit bietet sich uns ein guter Adventsvorsatz an: Das Bemhen um einen lebendigen Glau- ben an die Wiederkunft Christi und an die jenseitige bessere Welt und das Bemhen um ein Leben aus diesem Glauben und in weiser Distanz zu dieser unserer Welt, die vergnglich ist und die die allermeisten Versprechungen, die sie uns macht, nicht hlt.

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Wenn wir um das Kommen Christi beten, so geht es dabei nicht nur um sein Kommen am Jngsten Tag und um das Ende dieser unserer Weltzeit, so drfen wir darunter auch sein Kommen in der Gnade verstehen, in den Sakramenten und in seinem Wort, den Beistand, den er uns durch seine Nhe in diesem unserem Leben gibt, aber es muss darin immer eine gewisse Ewigkeitssehnsucht mitklingen, die Hoffnung auf ein besseres Leben in der neuen Welt, die uns verheien ist. Der Christ baut sein Leben auf dem Fundament der Ewigkeit auf. Deshalb liegen Welten zwischen einem Christen und einem Atheisten. Das wird oft nicht gesehen. Es liegen Welten zwischen jenen, deren Blick rein auf das Diesseits gerichtet ist, und jenen, die das Heil von der Wiederkunft Christi und von der neuen jenseitigen Welt er- warten, die uns verheien ist. Dabei sind jedoch nicht alle wirklich Christen, die den An- spruch erheben, es zu sein. Fr nicht wenige von ihnen gibt es keine bessere jenseitige Welt und keine Wiederkunft Christi mehr. Die Grenze zwischen den Glubigen und den nicht mehr Glubigen oder den nur noch Halbglubigen ist nicht immer leicht zu erkennen. Der Christenname und das uere Bekenntnis sind da kein untrgliches Kennzeichen. Aber es fragt sich: Wie will man eine menschliche Welt nur mit dem Diesseits und ohne die Hoffnung auf die Ewigkeit aufbauen?

Das Leben im Glauben an Christus, an sein Kommen in Herrlichkeit, an den Anbruch des ewigen Gottesreiches, das ist das Wesen des Christseins. Dieser Glaube aber gebietet uns einen anderen Lebensstil, und wenn wir uns darum bemhen, wird er uns diesen Glauben schenken, oder er wird uns bestrken in diesem Glauben. 

In der Lesung und im Evangelium dieser heiligen Messe ist von den vielen die Rede, die ohne Gott und ohne die Ewigkeit leben, die leben, als gbe es keine Ewigkeit. Sie machen es wie die Menschen zur Zeit der Sintflut in den Tagen des Noe. Sie leben gedankenlos in den Tag hinein, sie leben den Trieben, dem Vergngen und dem Wohlstand, sie leben so, als ob es immer so weiter ginge. Ein solches Leben aber fhrt in die Katastrophe, in eine neue Sintflut, frher oder spter. Vor allem aber knnen wir mit einem solchen Leben nicht bestehen, wenn Christus einst wiederkommt. Das betont das Evangelium des heutigen Sonn- tags mit Nachdruck. Denn es ist nicht so, als ob einst alle in das himmlische Jerusalem einziehen wrden. Im Gegenteil. Von Zweien geht einer mit, so sagt es dieses Evangelium, von Zehn bleiben Fnf zurck, so heit es an einer an- deren Stelle im Matthus-Evangelium (Mt 25, 1 ff). Ohne eine klare Entscheidung fr Christus und seine Kirche, die Gestalt annimmt in unserem Leben, knnen wir nicht bestehen am Ende. Das bedeutet, dass der Widerspruch und der Verzicht eine Bedingung sind fr ein gutes Ende. Wer nicht wachsam ist, verschlft seine Rettung. Diese klare Sprache vermisst man heute zuweilen in der Kirche. 

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Im 19. Jahrhundert lebte in England eine bedeutende Persnlichkeit, ein groer Konvertit - er lebte von 1801 bis 1890 -, der uns viele Schriften hinterlassen hat, die Zeugnisse seiner lebendigen Beziehung zum wiederkommenden Christus und zur Ewigkeit sind, John Henry Newman. Er schreibt einmal: Der Christ schaut nach Christus aus in allem, was ihm begegnet, dabei wei er, dass Christi Kommen angesichts der dahineilenden Zeit in jedem Augenblick nher ist als zuvor. Wrtlich sagt er dann: Erde und Himmel sind nur wie ein Vorhang, der zwischen ihm (Christus) und uns gezogen ist; es kommt der Tag, da er den Vor- hang zerreien und sich uns zeigen wird. Und dann wird er uns belohnen entsprechend un- serem Harren. Haben wir ihn vergessen, dann wird er uns nicht kennen (John Henry New- man, Predigten IV, Stuttgart 1952, 370 f). Besser und treffender knnen wir das Thema dieser vier Wochen am Beginn eines neuen Kirchenjahres nicht beschreiben. Und dieses Thema ist zugleich das zentrale unseres ganzen Christenlebens oder sollte es sein. 

Es gilt, dass wir im Glauben an die Wiederkunft Christi und an die neue Welt leben, die uns verheien ist, und dass wir aus diesem Glauben unser Leben gestalten in Wachsamkeit und Bereitschaft in innerer Distanz zu dieser unserer Welt. Das bedeutet, dass wir leben in der innigen Gemeinschaft mit Gott, im Eifer fr seine Ehre und im Gehorsam ge- genber seinem heiligen Willen. Amen. 

   

